Leidenschaft für Pfeifen – Gerhard Grenzing baut in seiner Heimat

 Der Hamburger Gerhard Grenzing ist ein weltweit berühmter Orgelbauer. Nun baut er auch ein Instrument für eine Kirche in seiner Heimat Von Edgar S. Hasse

Er hat alles erreicht, was ein Orgelbauer erreichen kann. Gerhard Grenzing aus Barcelona  baute Instrumente in den großen Kathedralen der Welt wie in Madrid und Brüssel. Oder er restaurierte sie, wie in der Catedral Metropolitana de México, deren Klang Kanzlerin Angela Merkel bei ihrem Lateinamerika-Besuch 2008 besonders gut gefiel. Nur eines hat Grenzing noch nicht geschafft: eine Orgel in Norddeutschland zu bauen.

Dabei liegt ein solches Projekt dem Katalanen aus Hamburg seit Langem am Herzen. Schließlich begann seine Liebe zu diesem Beruf, seine Leidenschaft für den enormen Klang und die Energie, die eine Orgel ausstrahlen kann, in Lüneburg. Damals, als Heranwachsender, hörte er jene 450 Jahre alte Renaissance- und Barockorgel in der Johannis-Kirche der Salzstadt zum ersten Mal. Und immer wieder, vor allem wenn Werke von Dietrich Buxtehude und Johann Sebastian Bach erklangen.

Die Begegnung mit diesem historischen Instrument hatte weitreichende Folgen: Er beschloss, Orgelbauer zu werden. In der Werkstatt des Hamburger Instrumentenbauers Rudolf von Beckerath lernte er das künstlerische Handwerk von der Pike auf kennen. Bald danach ging er eigene Wege, machte sich in ganz Europa einen Namen, der irgendwann bis nach Lateinamerika strahlte.

Doch statt sich irgendwann zur Ruhe zu setzen, arbeitet der 70-jährige frühere Präsident der International Society of Organbuilders an der Erfüllung eines Traumes: Nun, am Ende seiner Karriere, möchte er auch in seiner deutschen Heimat hörbare Akzente setzen. Schließlich hat er in seinem bisherigen Berufsleben weltweit rund 220 Orgeln restauriert und gebaut. Tatsächlich ist dieser Wunsch jetzt in greifbare Nähe gerückt. Die Großhansdorfer Kirchengemeinde lässt von dem renommierten Orgelbauer eine neue „Königin der Instrumente“ mit 30 Registern bauen. Wenn alles nach Plan läuft, könnte sie bereits zum Weihnachtsfest 2014 in der Auferstehungskirche erklingen.

Grenzings Werkstatt befindet sich rund 18 Kilometer außerhalb der katalanischen Metropole. In der Werkstatt mit einem 17 Meter hohen Montagesaal nehmen seine Pläne und Pfeifen Gestalt an. Seit 40 Jahren lebt der Kosmopolit Grenzing in Spanien und hat sich vor allem um die Orgellandschaft auf Mallorca, den Kanarischen Inseln und auf dem spanischen Festland verdient gemacht. In vielen Kirchen hat er original erhaltene, jahrhundertealte Instrumente entdeckt und liebevoll restauriert. „Das waren unangetastete Instrumente mit großen Klangmöglichkeiten“, sagt er. Während in Deutschland zum Beispiel die Orgeln oft im Abstand von 30 Jahren auf den neuesten Stand gebracht werden, blieb bei diesen Orgeln der ursprüngliche Kern erhalten.

„Ich habe in meinem beruflichen Leben so viele Erfahrungen gesammelt, die ich auch bei meinem Projekt in Großhansdorf einbringen möchte. Denn alles, was man in den 40 Jahren eingeatmet hat, kann man auch ausatmen“, sagt er.

Für den Chef der fast 20 Mitarbeiter zählenden Orgelwerkstatt in El Papiol schließt sich mit diesem Vorhaben ein Lebenskreis. „Was ich früher in der reichen norddeutschen Klangwelt erlebt und erfahren habe, kann ich nun zurückgeben. Ich möchte die Orgellandschaft vor den Toren Hamburgs bereichern.“

Spielfreudig und zuverlässig soll die Großhansdorfer Grenzing-Orgel sein, rein und natürlich im Klang, ausgestattet mit Hauptwerk, Rückpositiv, Schwellwerk, Pedal. Die Organisten sollen auf dem Instrument heimische Stücke genauso spielen können wie die französischen Romantiker. „Orgelbau ist Vertrauenssache“, sagt der Fachmann. „Und man muss sich ein solches Projekt kontinuierlich erarbeiten.“

Rund 800.000 Euro wird die Orgel nach Angaben von Kai Greve, Vorsitzender des Vereins „Eine Orgel für Großhansdorf“, kosten. Spenden werden dafür dringend gesucht. Kurz vor dem Weihnachtsfest hat ein Ehepaar, das gern ungenannt bleiben möchte, dem Verein ein ganz besonderes Geschenk gemacht und 100.000 Euro überwiesen. „Wir sind sehr dankbar, dass Menschen unser Vorhaben unterstützen“, sagt Greve. Und fügt hinzu: „Damit sind gute Voraussetzungen geschaffen, dass unser Musikleben – auch die Schmalenbecker Abendmusiken – bald mit Orgelkonzerten bereichert wird.“

Auch Kirsten Fehrs, Bischöfin im Sprengel Hamburg und Lübeck, freut sich darauf, wenn eines Tages die Grenzing-Orgel in der Auferstehungskirche erklingt: „Durch die klangvolle Bandbreite ihrer musikalischen Ausdrucksformen ist die Orgel in der Lage, sich vom Organon zum Organ zu steigern, zur Stimme, zum Sinnesorgan mit Empfänglichkeit und Empfindungsfähigkeit.“

Und für Gerhard Grenzing erfüllt sich damit der lang gehegte Traum, künstlerisch zu den Wurzeln seines Erfolgs zurückzukehren.

Dieser Artikel ist erschienen in der Welt am Sonntag am 30.12.12 (Link: http://www.welt.de/112300947) und wurde mit freundlicher Genehmigung von WaS und G.Grenzing hier eingestellt.