Der Orgelbauer

Als Ergebnis eines Ausschreibungsverfahrens wurde im Sommer 2012 die renommierte Orgelbaufirma Grenzing aus Barcelona (www.grenzing.com) ausgewählt und hat im März 2013 den Auftrag erhalten. Die Firma Grenzing hat unter anderem die Orgel in der Kathedrale von Brüssel gebaut (»Orgel der tausend Klangfarben«); zur Zeit baut sie die Orgel für die »Maison de la Radio France«, den Hauptsendesaal des französischen Rundfunks in Paris. Gerhard Grenzing ist ein großer Orgelbaumeister und Orgelbaukünstler; er stammt aus Hamburg, aber die Grenzing-Orgel in Großhansdorf wird die erste im norddeutschen Raum sein.

 


Kurzporträt Gerhard Grenzing

Gerhard Grenzing wurde 1942 im ostpreußischen Insterburg (Nähe Königsberg) geboren und später in Hamburg von Rudolf von Beckerath im Orgelbauhandwerk ausgebildet. Nach fünfjähriger Orgelbauertätigkeit begann er sich in seinem beruflichen Metier reisend weiterzubilden. Er besuchte zahlreiche Werkstätten in Europa; bereits mit 25 Jahren widmete er sich ausschließlich der Restaurierung historischer Instrumente auf Mallorca, um sich nach weiteren fünf Jahren in El Papiol in der Nähe von Barcelona niederzulassen, wo er seine eigene Werkstatt gründete.

Hier werden verschiedene Restaurierungen von bedeutenden Orgeln durchgeführt und ebenso neue Orgeln geschaffen. Seit dem Jahr 2000 arbeitet die heute rund 20-köpfige Belegschaft in einer neu errichteten großräumig-modernen Werkstatt. „Ein 20-köpfiges, interkulturelles Expertenteam unter der Leitung eines hanseatisch-hamburgischen Orgelbaumeisters, der sich – die jahrhundertealte Tradition fortsetzend – einst in Barcelona niederließ.“

Gerhard Grenzing hat insgesamt 200 Orgeln auf verschiedenen Kontinenten restauriert und neu errichtet. Derzeit arbeitet er u.a. am Bau einer neuen Konzertsaalorgel im großen Saal des französischen Rundfunks in Paris, für deren Bau er in einem international ausgeschriebenen Wettbewerb ausgewählt wurde.

Gerhard Grenzing wurde in 2006 zum „Orgelbauer des Jahres“ ernannt. Von 2006 bis 2010 war er auch Präsident der internationalen Vereinigung der Orgelbauer (International Society of Organ builders, ISO).

Die Werkstatt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gerhard Grenzing im Gespräch

Herr Grenzing, Sie sind in den sechziger Jahren aus Norddeutschland in die iberische Kulturwelt ausgewandert. Warum haben Sie sich in Spanien niedergelassen, wo Sie doch eindeutig ein hanseatisch-hamburger Orgelbaumeister sind?

„Es waren ganz eindeutig die einzigartigen Orgeln in diesem Land. Ich hatte damals ganz zufällig eine Langspielplatte mit iberischer Orgelmusik geschenkt bekommen, die mich sehr beeindruck hat. Ich ging dann auf Entdeckungsfahrt nach Spanien, wo die Orgel von Santanyi (Mallorca) bei mir einen überwältigenden Eindruck hinterließ. Ich widmete zunächst ein Jahr den herrlichen spanischen Instrumenten. Dort verspürte ich den verzweifelten Ruf so vieler vernachlässigter Orgeln: „Hilf mir doch…!“, woraufhin ich meinen Aufenthalt zunächst verlängerte und mich dann entschloss, für immer in diesem für mich und meine Arbeit überaus inspirierenden europäischen Kulturland zu bleiben.“

Es gibt ja sehr viele unterschiedliche Stilrichtungen im Orgelbau. Welche Orgelbauphilosophie verfolgen Sie?

„Ich fühle mich als kreativer Orgelbauer vor allem nicht „stilgebunden“ – das wäre bei Restaurierungen z.B. auch nicht förderlich, wo die Orgel ja bereits ihren eigenen Stil mitbringt. Ich fühle mich aber am wohlsten, wenn ich gestalterisch ganz und gar frei bin. Bei Neubauten meide ich grundsätzlich jede Aggressivität (die ja leider das orgelbauliche Credo der letzten hundert Jahre zu sein scheint), sondern ich strebe eine „kantable“ Musikalität an, die „unter die Haut“ geht. Die Aussprache der Pfeifen muss leicht und locker sein, was vielleicht einen kleinen Hang zu einem eher romantischen Klang impliziert. Der Organist sollte in jedem Fall eine feinfühlige und wendige Traktur zu seiner Verfügung haben, sehr schnell repetierend, und langfristige Funktionssicherheit, was durch direkte Trakturen und eine Minimierung der Teile erreicht wird. Der Wind muss dem Stil der Orgel angepasst sein. Der Organist muss Teil der Orgel werden und vergessen, dass er eine Maschine bedient. Wenn man in einem Einweihungskonzert einer neuen Orgel keine feuchten Augen im Publikum sieht, sollte man den Orgelbau besser gleich sein lassen.“.

Aber gibt es denn nicht besondere Einflüsse, die Ihren Stil prägen?

„Das schon. Ich bin sehr stark von Rudolf von Beckerath geprägt, bei dem ich in Hamburg den Orgelbauerberuf erlernt habe. Und dann ist da vor allem Jordi Bosch, der frühere spanische Hoforgelbaumeister, ein Orgelbauer mit Mut und Erfindungsgeist. Wenn man viel Zeit mit der Restaurierung von alten Orgeln verbringt, nimmt man zwangsläufig viel von diesen an. Auch die berühmten Baumeister Friedrich Ladegast und Aristide Cavaillé-Coll haben mich inspiriert. Letzterer hat übrigens auch katalanische Wurzeln und dort gewirkt.“

Hat die katalanische Kultur und Mentalität auch einen Einfluss auf den Orgelbau?

„Das kann man vielleicht vergleichen mit den alten holländischen Meistern in der Malerei, die gerne in die Provence gingen und dort das eigentümlich strahlende Licht und die Landschaft in sich aufnahmen, wodurch ihre Bilder deutlich und spürbar an Farbigkeit gewannen. Einen ähnlichen Einfluss übten das mediterrane Licht und die Farben auf die deutschen Orgelbauer aus, die seit dem 14. Jahrhundert in Barcelona wirkten. Ich stelle somit kein Novum dar.“

Hierzulande ist wenig über Barcelona als Orgelbaustadt bekannt….

„In Barcelona haben sich schon seit mehr als fünf Jahrhunderten deutsche und internationale Orgelbau-Meister mit ihren Werkstätten niedergelassen. Leonardus von Mertz, Peter Pons, Johann Spinn aus Freiburg, Jean-Pierre Cavaille, Louis Scherrer, Dominique Cavaille-Coll, Franz Otter und auch Aristide Cavaille-Coll, einer der berühmtesten französischen Orgelbauer. Und seit 1972 führe ich diese Tradition fort.“ (er schmunzelt)

„In der Tat lässt sich beobachten, dass diese zugezogenen Meister die Orgellandschaft von Barcelona mit ihrer je unterschiedlichen, importierten Kunst des Orgelbauens bereichert haben. Im Gegenzug haben sie sich zugleich vom mediterranen Geist der heute rund 1,6 Mio Einwohner zählenden Hauptstadt Kataloniens inspirieren und beeinflussen lassen. An den wenigen erhaltenen historischen Instrumenten können wir beobachten, wie vielseitig ihre stilistischen Ausdrucksmöglichkeiten sind, sicherlich maßgeblich auch ein Resultat des skizzierten, reichen interkulturellen Gedankenaustauschs. Hier entstand bereits vor rund 200 Jahren ein Instrumententypus, der durchaus auch heute noch als prototypisches Modell für einen kontemporären Orgelbau Gültigkeit beanspruchen kann.“

Herr Grenzing erläutert, dass es sich lohnt, den Blick noch weiter zurückzulenken und zu erforschen, woher die Meister der Romantik ihre orgelbauliche Inspiration nahmen: Aristide Cavaille-Coll wirkte bekanntlich bereits mit 19 Jahren in Lerida (katalanisch „Lleida“, in der Nähe von Barcelona) und sein Bruder Vincent trachtete danach, im berühmten Escorial-Kloster den Auftrag für den Orgelneubau zu erhalten sowie im königlichen Palast von Madrid als Pfleger der berühmten Orgel von Jordi Bosch angestellt zu werden. Jordi Bosch (1739-1800) war königlich spanischer Hoforgelbauer, der die meisten der durch Cavaille-Coll später bekannt gewordenen Erfindungen bereits sechs Jahrzehnte zuvor in der Praxis angewandt hatte.

„Ich genieße mit meinem Team seit Jahrzehnten das Privileg, im Dornröschenschlaf befindliche iberische Orgeln verschiedenster Stile und Provenienz vor Ort zu studieren und entsprechend zu restaurieren. Auf dem aus dieser Arbeit unmittelbar resultierenden reichen Erfahrungsschatz greifen wir auch für die Kreation unserer eigenen Werke zurück.“

Warum eigentlich El Papiol, und nicht direkt in Barcelona?

In El Papiol ist die Ruhe, die man für den Orgelbau – und insbesondere auch für die Intonation braucht. Großstadtlärm, der mühsam aus dem Gebäude herausgehalten werden muss, ist nicht förderlich. Dabei ist El Papiol günstig gelegen. Es ist nur eine halbe Autostunde von Barcelona und auch vom internationalen Flughafen entfernt. So sind wir heute schneller in Deutschland, Dänemark oder Schweden, wo wir Orgelprojekte haben, als damals der deutsche Baumeister Walcker in Barcelona, als er in dieser Stadt eine seiner Orgeln 1908 gebaut hat. Ich wurde für die Restaurierung dieser Walcker-Orgel ausgewählt. Ebenso wie für die Restaurierung der von Beckerath-Orgel in Kiruna in Schweden.

Ist denn der Orgelbau so international?

„Es gibt heute kein größeres Orgelprojekt mehr, das nicht international ausgeschrieben wird. Und das ist nicht von irgendwelchen europäischen Vorschriften getrieben. Vielmehr hat sich die Orgelbaulandschaft schon seit Jahrhunderten nicht um geographische Grenzen gekümmert. Und die Auftraggeber und Sachverständigen wissen sehr wohl, dass es auf die Erfahrung und Qualität der Arbeit ankommt und nicht auf die Schreibweise des Ortes, wo die Werkstatt steht.“

Die Orgel in Großhansdorf ist ihre erste Orgel in Norddeutschland?

„Abgesehen von den Projekten, die ich während meiner Lehrzeit bei von Beckerath durchgeführt habe, ja. Ich freue mich darauf, hier in meiner alten Wirkungsstätte, in Norddeutschland, nun selbst eine Orgel bauen zu dürfen. Es ist ja nicht mein erstes Projekt in Deutschland, aber in Norddeutschland wird es die erste Grenzing-Orgel sein. Das ist für mich etwas Besonderes. “

Warum wurden Sie ausgewählt, die Orgel in Großhansdorf zu bauen?

„Das müssen sie den Kirchengemeinderat fragen, der mein Angebot, das ich im Rahmen eines Ausschreibungswettbewerbs abgegeben habe, aus den Mitbewerbern ausgewählt hat. Vermutlich gibt es Gründe, dass auch berühmte Organisten sehr gerne auf meinen Orgeln spielen.* Da wird sich etwas herumgesprochen haben. “ (Schmunzelt).

 

*Berühmte Organisten, wie z.B. Marie-Claire Alain, schwärmen von Grenzing-Orgeln. Überlieferte Zitate von Organisten-Meistern: „Eine Orgel der tausend Farben“ – so über die Orgel der Kathedrale von Brüssel; Und über die Orgel im Konservatorium Paris: „unendliche Möglichkeiten der Registrierungen“; „Ich dachte, es wäre eine andere Orgel als die, auf der das vorige Stück gespielt wurde“.

Ein paar Fotos von Grenzing-Orgeln…

Grenzing-Orgeln sind über ganz Europa verstreut (und darüber hinaus)

Grenzing-Orgel Kloster Maulbronn (2013)

 

 

Grenzing Orgel in Brüssel

 

Hanau, Deutschland

Ziersdorf, Wien, Österreich

Grenzing-Orgel Niigata Konzertsaal Japan

Grenzing-Orgel im Pariser Rundfunksaal